Dienstag, 30. September 2014

Balkonbeobachtungen

Ich sitze gemütlich auf meinem neuen alten georgischen Balkon und gucke ein bisschen durch die Gegend. Das mache ich ganz gerne, weil die Straße hier sehr belebt ist und man ab und zu sehr erstaunliche Dinge beobachten oder Gespräche belauschen kann. Heute ist es eigentlich eher unerstaunlich, aber ich bin trotzdem fasziniert:

Diesmal sehe ich einen Jungen, der irgendein Plakat an eine Wand klebt. In den letzten Tagen ist mir wieder aufgefallen, wie vollplakatiert die gesamte Stadt hier ist: An jeder Hauswand, an jedem Bauzaun, in den Bushaltestellen und Metrostationen, einfach überall sehe ich Blätter auf Georgisch, Russisch, Englisch, vermehrt auch auf Arabisch, die von Konzertankündigungen über Jobangebote und –gesuche, Werbeanzeigen diverser religiöser Vereinigungen bis hin zu Sprachkursen und generell Events jeder Art alles Mögliche bewerben. Gestern war ich auf einer Ausstellungseröffnung, wo ein Teil der Kunst aus Hunderten von abgerissenen Plakaten bestand und seitdem habe ich noch ein bisschen mehr darauf geachtet, was hier eigentlich bekanntgemacht wird. Zwischen den vielen nutzlosen oder unverständlichen Angeboten sind nämlich auch immer mal sehr spannende Sachen dabei. Jetzt sitze ich also hier herum, sehe diesen Typen und beobachte, wie er eine riesige Leimflasche zückt, das Papier großzügig damit einschmiert, es gerade an einer Hauswand befestigen will – und dann kurz innehält und dreimal auf das Blatt niest.

Ist das sowas wie das „Toi-Toi-Toi- Über die Schulter spucken“? Bringt es Glück? Hält das Plakat so etwa besser? Werden so mehr Leute auf seine Anzeige reagieren? Wird auch dieses Plakat bald Teil einer hypermodernen, alternativen, ganz ganz neuen und innovativen Kunstinstallation sein?

Fragen über Fragen kommen mir in den Sinn (ja, ich war etwas müde und nach müde kommt bekanntlich dumm). Immerhin auf eine Frage habe ich jetzt endlich mal eine Antwort gefunden: Bin ich eigentlich die Einzige, die jedes Mal gleich dreimal am Stück niesen muss? Offenbar nicht.

Dienstag, 23. September 2014

Vom Hund, der Straße und den armen Trampern

Ich reise gerne und derzeit auch recht unverschämt viel. Da komme ich nicht umhin, das ein oder andere Verkehrsmittel zu benutzen, zumal ich insgesamt doch eher lauf-faul bin. Naja, man könnte es auch auf generell faul herunterbrechen. Egal, nicht das Thema.

Nutzt man ab und an oder auch öfter das ein oder andere Verkehrsmittel, zumal in fremden Landen, dann sammeln sich lustige Anekdoten an, aus denen man sehr gut einen hoffentlich lustigen Blogpost machen kann, wenn man eigentlich gerade Hausarbeit schreiben sollte. Hier ist er also, der Quoten-Hausarbeits-Post, frisch aus der Uni-Bib, wo ich derzeit lustige Youtube-Videos schaue und damit anderen Studenten den Arbeitsplatz wegnehme.
Welche Verkehrsmittel gäbe es hier also abzuarbeiten? Auto, Füße, Fahrrad, Boot, Straßenbahn, Zug, Bus, Minibus, Flugzeug. Exoten wie Rikscha, Mehr-Personen-Moped & Co. lasse ich absichtlich weg, meine Fernostaufenthalte sind schließlich längst verjährt und ehrlich gesagt, habe ich da eh nur das Taxi benutzt, meine ich mich zu erinnern.

Nun denn, Auto. Ich habe tatsächlich einen Führerschein, und nachdem ich neulich mein Zimmer erst auf- und dann ausräumen musste, besitze ich ihn auch wieder ganz aktiv. Vorher hatte ich etwa 1,5 Jahre lang mit Vergnügen die Formulierung „Ich habe meinen Führerschein verloren“ der anderen Variante („Ich finde ihn grade nicht“) vorgezogen, das klang so kriminell und abenteuerlich. Auch wenn ich also selten bis nie selbst Auto fahre, habe ich während dieses Sommers doch recht viel Zeit in Autos verbracht, da ich irgendwann im letzten Jahr das Trampen als Lieblings-Fortbewegungsart für mich entdeckt habe. Es ist günstig, oft schneller als die Bahn, man trifft gelegentlich sehr spannende Menschen und es vermittelt tatsächlich diese „Alles ist möglich!“-Stimmung, die Jack Kerouac uns in „On the Road“ näherbringen wollte. Theoretisch könnte ich jederzeit die Straßenseite wechseln und woandershin davonbrausen. Theoretisch. Denn auch wenn ich immer wieder begeistert davon schwärme, wie super trampen fast immer funktioniert, gibt es eben doch die wenigen Fälle, wo es absolut GAR NICHT funktioniert. So geschehen, als ich neulich zum Flughafen trampte und dabei meinen Flug nach Irland knapp verpasste. Diese Geschichte ist recht langweilig und lässt sich damit zusammenfassen, dass an jenem Tag halt leider kein anderer von Jena nach Berlin fahren wollte, obwohl das sonst echt immer funktioniert. Daher jetzt eine andere Geschichte in ausführlich; es war einmal in den bulgarischen Bergen…
Ein wolkenverhangener Tag mit der ständig lauernden Gefahr, dass es bald so richtig losregnen könnte. Das Rila-Gebirge im Südwesten Bulgariens, ein verhältnismäßig touristisches Gebiet, weil sich dort ein riesiges hübsches Kloster befindet. Eine Straße ohne Abzweige bis zum nächsten Ort, drei freundliche lächelnde Mädchen. Das ist eigentlich die optimale Tramper-Situation, da man gleich mehrere Mitleidskarten ausspielen kann.

1. Es regnet. Du kannst doch niemanden im Regen stehen lassen, du Unmensch!
2. Drei Mädchen. Man lässt doch keine armen Mädchen im Regen stehen. Wer weiß schon, wer sie sonst an deiner Stelle mitnimmt?
3. Die Umgebung. Deine christliche Nächstenliebe kann doch nicht an der Pforte des Klosters enden.
4.  Die Straße. Wir wollen ja nur in die nächste Stadt, da stören wir dich ja gar nicht lange.
5.  Es regnet immer noch. Wir gucken ja schon ganz traurig. Hast du denn gar kein Herz?

Da stehen wir also und stehen und stehen und winken und lächeln, gucken mal herzzerreißend traurig, mal leicht genervt, zittern noch mehr als eigentlich notwendig, lassen unsere nassen Haare im Wind flattern, lächeln, lächeln, lächeln irgendwann nicht mehr und beschimpfen den Hund.

Mit einem Hund zu trampen ist offenbar nicht die beste Variante, dabei ist das alles nur ein Missverständnis! Was uns nämlich fehlt, ist ein Schild mit der Aufschrift: „Dieser Hund gehört uns doch gar nicht!“ Der Hund gehört dem Kloster oder wahrscheinlich eher sich selbst, und wir sammeln ihn aus Versehen genau dort ein, als wir zu einer kleinen Wanderung aufbrechen. Der Hund ist nicht besonders schlau, aber sehr nett, und begleitet uns ungefragt über Stock und Stein, bellt für uns auch mal ein paar unschuldige Kühe an und freut sich über Essen. Als wir dann zurück beim Kloster sind, vertreibt ihn der Restaurantbesitzer für uns, kriegt daher kein Trinkgeld von uns und wir finden’s schade, dass wir uns gar nicht richtig verabschieden können vom Hund. Als wir beschließen, nicht zwei Stunden auf den nächsten Bus zu warten, sondern in die nächste Stadt zu trampen, ist der Hund plötzlich wieder da. Und er kommt mit.

So wandern wir und der Hund also eine geschlagene Stunde an der Straße herum und schließlich wieder zurück, nachdem wir wirklich alle erdenklichen Gesichtsausdrücke ausprobiert haben (wir Menschen, der Hund nicht, der kann nur treudoof und lieb gucken). Mittlerweile ist der Bus natürlich da, wir steigend triefend nass, gedemütigt ein und lassen den Hund ein weiteres Mal zurück. Ich habe mich geirrt, er kann auch traurig gucken. 

Dienstag, 28. Januar 2014

Von Internationaler Solidarität und Lokaler Passivität

Ich habe neulich in einer Diskussion, oder einem Gespräch, die Meinung geäußert, dass ich ein Problem darin sehe, wenn wir als Individuen oder auch Gruppierungen hier (in Europa, in Westeuropa, in Deutschland, in Jena, in der Studentenschaft Jena) versuchen, Probleme von „woanders“ zu lösen, über die wir nur dank moderner Kommunikationstechnologie informiert sind und an denen wir demnach höchstens mitfühlend, also indirekt teilhaben.

Ich erinnere mich, dass ich ähnliche Diskussionen schon mal im PoWi-Unterricht in der Schule geführt habe, wo mir wegen dieser Einstellung fehlende Internationale Solidarität vorgeworfen wurde (ich glaube, es ging um die Idee, den Menschen im Irak und Afghanistan die Demokratie näherzubringen, was ich bedenklich fand). Damals wie heute beteiligte ich mich an der Diskussion mit ausgeprägtem Halbwissen, weniger ausgeprägten grundsätzlichen Idealen und Politikverständnis und großer Freude am Diskutieren an sich.

Ich denke immer noch, dass politisches Engagement in erster Linie lokal erfolgen muss, vor allem, wenn man als Individuum agiert. Ich denke auch immer noch, dass man bei seiner Meinungsbildung und bei der Rechtfertigung, warum man selbst durch eine Situationen betroffen ist, immer bedenken muss, in welcher Gesellschaft man sich befindet (in Europa, in Deutschland, in einem der neuen Bundesländer, in der Studentenschaft, oftmals unter Geisteswissenschaftlern, oftmals unter Akademikerkindern). Meine eigene Zuordnung in diesen Bereichen macht es mir beispielsweise schwer, mich mit Problemen von Arbeitern und Aktivisten in Bukarest zu solidarisieren, weil ich dabei immer Angst habe, aus einer gönnerhaften, elitären, arroganten Komfortzone heraus zum Aktivismus und zur Anteilnahme aufzurufen. Anteilnahme an einem Zustand, der mich als Individuum eben nicht direkt betrifft.

Warum ich hier so theoretisch vor mich hinfasele? Erstens ist Prüfungsphase, also bin ich immer auf der Suche nach kreativen und vermeintlich produktiven Prokastinations- Methoden (=bloggen). Zweitens ist in der Ukraine gerade Revolution und immer wieder geistern entsprechende Meldungen meiner ukrainischen (Facebook-)Freunde über meine Timeline, bei denen ich mich frage, ob ich sie „liken“ soll.

Als diese Revolution begann, war ich gerade mit einigen Ukrainern zusammen in einem georgischen Bergdorf auf einem EU-geförderten Seminar. Für mich, als halbwegs politisch interessierten und halbwegs sensations-geilen Menschen, war dies ein Privileg: ich konnte gleichzeitig durch die deutsche Berichterstattung stöbern und mir die Berichte dann live von „Experten“ bestätigen oder zerreißen lassen. Für die drei UkrainerInnen war es schrecklich, weil sie in einem georgischen Bergdorf saßen und „Experte“ spielen durften, während ihre Freunde auf dem Maidan-Square in Kiew ausharrten und dort Gott-weiß-was erlebten.

Vor ein paar Tagen dann hatten eben diese Ukrainer plötzlich alle ein schwarzes Facebook-Profilfoto, was auf mich eine sehr erschreckende Wirkung hatte. Das letzte Mal, dass eine „Nation“ meiner Facebook-Freunde kollektiv schwarz getragen hat, wurden in georgischen Gefängnissen Insassen gefoltert und vergewaltigt. Ich saß damals geschockt vor meinem Bildschirm, dachte „Was ist da nur los?“ und recherchierte wenig erfolgreich in den deutschen Medien. So, wie ich es auch jetzt mit der Ukraine tue, wo die Revolution laut Berichten bereits mehrere Todesopfer gefordert hat. (Die Revolution? Nicht vielleicht die Regierung oder die Polizei?)

Und eben diese Situation, dass ich hier sitze und versuche, herauszufinden, was dort eigentlich los ist, erscheint mir so falsch. Dort.
Und was ist hier los? Weiß ich das? Und wenn ich weiß, was hier los ist, was hier falsch ist, veranlasst mich das dazu, etwas daran zu ändern?
Ehrlich gesagt nicht. Ehrlich gesagt bin ich nämlich auch hier, wo ich ja folgerichtig selber der „Experte vor Ort“ bin, viel zu unsicher und uninformiert und unentschlossen, um Stellung zu beziehen, Meinungen zu bilden, zu vertreten und zu verteidigen.



Am Donnerstag findet an meiner Uni eine Podiumsdiskussion mit ukrainischen StudentInnen statt. Ich werde wohl hingehen, auch wenn ich bis Donnerstag wahrscheinlich immer noch nicht lokal aktiv geworden bin.