Ich wohne in einem Durchgangsbahnhof.
Oder anders gesagt: Einer Wohnung mit 4 Schlafzimmern, 5 Betten, einem Sofa, einem Sessel und sehr viel Fußboden. Einer Wohnung mit sehr viel Gabeln, aber zu wenig Löffeln (ein bisschen wie bei Dornröschen...). Einer Wohnung mit zu wenig Kaffeetassen und (Wein-)Gläsern. Einer Wohnung mit einem enorm großen Frühstückseiverbrauch. Einer Wohnung, zentral in Tbilissi. Einer Wohnung, in der sich irgendwie immer alle treffen. Einer Wohnung, wo immer mal irgendwer wohnt und besucht und Besuch bekommt und etwas oder jemanden sucht.
Ich mag meinen persönlichen Durchgangsbahnhof. Ich mags, dass hier (momentan) Leute aus drei verschiedenen Ländern wohnen. Ich mags, dass immer mal jemand anderes etwas Leckeres kocht. Ich mags, dass ständig jemand vorbei schaut. Ich mags, dass jeder irgendwas mitbringt, sei es Kaffee, Musik, ein Brot, Wein, Wodka, gute Laune, Freunde.
Wenn ich jetzt versuchen würde, die verschiedensten Konstellationen aus kurzzeitigen Mitbewohnern, langzeitigen Mitbewohnern, langzeitigen Couchsurfern, spontanen Sesselsurfern und all so Getier zu erklären, würde ich alle nur verwirren, also lass ich das mal. Manchmal nervt das Bahnhofsgefühl auch ein bisschen: Wenn mal wieder jeder einen Liter Milch gekauft hat, aber weder Brot noch Haferflocken da sind. Wenn sich niemand für die Spüle verantwortlich fühlt. Wenn alle anderen erst mittags aufstehen müssen. Wenn kein warmes Wasser zum Duschen mehr da ist.
Aber allgemein muss ich sagen, dass es momentan ziemlich gut läuft. Wieder einmal hat sich Frühlingswetter eingestellt, wir haben unseren Balkon poliert und beblümt, in der Schule fühle ich mich fast die ganze Zeit sinnvoll, die Kinder sind süßer als je zuvor, die Kolleginnen immer noch super nett. Durch Tbilisi weht ein optimistischer Frühlingswind: Der ein oder andere Georgier ist nicht mehr komplett schwarz gekleidet, es gibt wieder Tomaten, Mütze ist nicht mehr obligatorisch, überall wird gebaut, Ausflüge werden geplant...
Generell ist grad irgendwie viel im Wandel, es passiert viel, viele neue Leute sind in der Stadt, es machen an jeder Ecke neue Bars und Hostels auf. So geht die Zeit einfach irre schnell rum und ich habe ein bisschen Angst, dass ich gar nicht mehr all das erleben und entdecken kann, was ich mir noch so vorgenommen habe. Also jetzt mal wieder weg vom PC - rein ins Reallife;)
Sonntag, 18. März 2012
Samstag, 3. März 2012
Einmal Westen und zurück - Oslo die Dritte
„Crash-Boom-Kulturschock-Ankommen-Kopfschüttelkopfschüttelkopfschüttel-Wiedersehensfreude-Spaßspaßspaß- Bankrott?-Schlittenfahren-Fußkaputt-Tschüsstschüsstschüss- Zimtschnecken-Tbilisi“
Spontanes Brainstorming über meine Oslo-Reise ergab dieses Gedankengequirle.
Ja, Oslo.
Ja, wieder mal auf Reisen.
Ja, wieder mal musste ich nicht alles selbst zahlen.
Ja, ich bin ein Glückskind, weeeil:
Ich war beim Alumni-Treffen des „Deutsch-Norwegischen Jugendforums“ (DNJF), bei dem ich 2010 teilgenommen hatte. Der Name sagt eigentlich schon das Wesentliche: Deutsche und Norwegische Jugendliche treffen sich einmal im Jahr und machen das, was man bei solchen Gelegenheiten eben macht – diskutieren, Energizer, Workshops, Lustige Spiele, Quatschen, Nächte durchmachen, sich gegenseitig sympathisch finden, „Wie, die vier Tage sind schon rum?“-Fragen, hektische Abschiedsumarmungen, nach Hause fliegen. Und das bezahlt dann irgendein Sponsor, in unserem Fall hauptsächlich Eon-Ruhrgas, was ich ziemlich toll von ihnen finde.
Beim Alumni-Treffen ist das so ähnlich. Diesmal musste man zwar seinen Flug selbst zahlen, aber was soll’s. Im November – in Sankt Petersburg – hatte ich mich auf den letzten Drücker noch dazu entschieden, mich anzumelden. Im Januar hab ich dann meinen Flug gebucht. Das eigentliche Treffen ging von Freitag bis Sonntag, ich bin schon Mittwoch hingeflogen, damit es sich auch richtig lohnt.
Also habe ich am Dienstag schnell das Nötigste gepackt und bin Mittwoch ganz, ganz früh zum Flughafen gefahren und losgeflogen. Wegen Zeitverschiebung und allem war ich dann am Spätnachmittag in meinem Hostel (übrigens nicht wirklich empfehlenswert, sehr unpersönlich und groß, nicht gerade ein gemütliches Hostel mit Atmosphäre). Tja, und dann kam erstmal „Crash-Boom-Kulturschock“.
Das Hostel liegt in einer Gegend, die von Parks, Bioläden, kleinen alternativen Designer-Läden, eben solchen Cafés und jungen, trendigen Familien mit dem nötigen Kleingeld beherrscht wird. Es ist wirklich schön dort, aber einen krasseren Gegensatz zu Georgien hätte ich mir kaum raussuchen können. Am Donnerstagmorgen laufe ich dementsprechend fassungslos herum. Ja, ich war schon mal in Norwegen, ich weiß durchaus, dass es Nordeuropa ist und somit westlicher als Westeuropa (anders gesagt schweineteuer). Ich weiß auch, dass man dort halt einfach mehr Geld hat. Ich weiß auch eigentlich, dass Georgien einfach in allem ein gutes Stück östlicher ist – bröckeliger, unperfekter, dreckiger, chaotischer, lauter, billiger, improvisierter. Aber Wissen und Erleben sind nunmal zwei verschiedene Dinge. Es war wieder ein Moment, der mir zeigte, wie sehr ich in Georgien angekommen bin.
Ich laufe herum, werde nicht angestarrt wegen meiner roten Haare, werde nicht gefragt, ob ich aus Amerika komme, werde auf Englisch statt auf Russisch im Laden bedient, alle paar Minuten entfährt mir ein leises „Vaime!“.
Anfangs rechne ich die Preise noch um – nicht in Euro, sondern in Lari. Nach kurzer Zeit lasse ich das aber, weil ich genau weiß, dass ich die Dinge für so einen Preis in Georgien einfach NIE kaufen würde. 32 Kronen für ein Gebäckstück – durch vier teilen - 8 Lari für EIN Gebäckstück? Never!
„Ankommen-Kopfschüttelkopfschüttelkopfschüttel“. Ich wohne erst seit einem halben Jahr in Georgien, deswegen hat mich die Situation nicht komplett überfordert. Nach einem Tag bin ich schon wieder ziemlich drin in Westeuropa: Ich schlendere durch Shopping-Straßen, es zieht mich – wie immer – an den Hafen, ich gucke mir ein paar Teile von Oslo an, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Das Wetter ist traumhaft, Oslo gefällt mir genauso gut wie die beiden Jahre davor. Über manche Dinge schüttel ich immer noch den Kopf (das Supermarktangebot), andere Dinge finde ich „unglaublich norwegisch“ und genau darum toll.
Eine Sache zum Beispiel, die ich am Hafen entdeckt habe:
„Oslo’s greeting to the future
As part of the celebration of the City of Oslo’s 1000 years jubilee in the year 2000, the citizens were invited to place postcards, letters and other items in time capsules in the Town Hall square on New Year’s eve 1999. The greetings should be stored for a 1000 years and be passed on to the citizens of the year 3000. […]”
Ziemlich geniale Idee, finde ich. Diese ganzen Briefe und Karten wurden imprägniert und generell darauf vorbereitet, 1000 Jahre aufbewahrt zu warden, und dann in einen Leuchtturm mitten im Hafen gesteckt. Das nenn ich mal Nachhaltigkeit!
Wiedersehensfreude. Von meinem Jahrgang (2010) sind leider nur etwa 10 Leute dieses Mal dabei, aber über diese 10 freue ich mich umso mehr. Dazu kommen noch etwa 35 andere, die ich noch nicht kannte. Es war einfach eine gut gemischte Gruppe aus Deutschen und Norwegern.
Spaßspaßspaß- Bankrott?. Das Programm ist ziemlich locker angelegt, wir haben viel Zeit zum quatschen, Stadt angucken, Fotos machen, an Norwegisch scheitern, naja, was man halt so macht. Wie immer kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo man Dinge wie Währungsrechner, Kontoauszüge und teuer aus seinem Wortschatz streicht, ab das wird es sogar noch besser. Die ganze Zeit haben wir dieses unglaublich perfekte Wetter. Hach, es war echt gut.
Schlittenfahren-Fußkaputt-Tschüsstschüsstschüss. Am Sonntag ist das offizielle Programm vorbei, mein Flug – und der von den Hamburgern und Frankfurtern – geht jedoch erst abends. Was also tun? Gepäck von sieben Leuten in ein Gepäckfach quetschen (nach Rückbesinnung auf Wechselkurse und Kontostände). Hoch auf den Holmenkollen, das ist die berühmte Skischanze in bzw. eher neben Oslo. Da kann man bequem mit der U-Bahn (die dann allerdings nicht besonderns untergründig ist) hochfahren, fantastische Aussichten genießen und vor allem Schlitten ausleihen. Tja, was folgte, war die mit gewaltigem Abstand beste Schlittenfahrt meines Lebens. Zwei Kilometer komplett vereiste „Piste“, ab und an eine Absperrung in den krassesten Kurven um zu retten, wer nicht mehr zu retten ist. Rasante Abfahrten, gerade-noch-so-Rettungen, waaaaah-Geschreie, Adrenalin, Hysterie, Oh-Nein-die-fette-Eiche-ist-direkt-vor-uns, Alter-das-war-knapp, Auaaaa, Achtung-Foto, Achtung-Baum, Achtung-anderer-Schlittenfahrer. Yeahyeahyeah!! Echt einfach unbeschreiblich! Tja, und dann muss ich leider bei einer der gerade-noch-so-Rettungen mit meinem Fuß bremsen, sodass der Schlitten mit mir und Nelly drauf genau über meinen Knöchel fährt und wir uns so richtig schön hinlegen. Ergebnis: Schwarzerblauer, geschwollener, tauber Fuß bei mir, schwarzblaue untere Körperhälfte bei Nelly. No risc, no fun, Leute!
Mit nem fetten Grinsen und mehr oder weniger großen Blessuren geht’s dann zurück zum Bahnhof und schon wieder zum Flughafen. Im Zug steigt die wohl größte „Après-Schlitten-Party“, die die freundlichen (und das ist wirklich keine Ironie!) Bahnangestellten je gesehen haben. Schuhe und Schlittenfahrer werden so gut es geht trockengelegt, schmerzende Körperteile untersucht, das Gefühl kehrt in andere Körperteile (Fingerspitzengefühl, Wortspiel des Jahres!) zurück, mein Fuß bleibt taub.
Und dann heißt es für mich endgültig Abschied nehmen von den versprenkelten Resten der Teilnehmer, die zurück nach Deutschland fliegen. Es ist komisch, traurig. Komisch, weil ich normalerweise ja auch nach Frankfurt geflogen wäre. Traurig, weil ich die Leute jetzt schon vermisse. Aber es fühlt sich auch ganz natürlich an, dass ich nach Tbilisi fliege. Beim Umsteigen in Riga sehe ich die ersten Georgier, fühle mich heimisch.
Zimtschnecken-Tbilisi. Tja, und schon bin ich wieder zu Hause. Zu Hause, wo es am nächsten Morgen Zimtschnecken zum Frühstück gibt. Zu Hause, wo ich mich schon auf Chatschapuri freue. Da, wo die Arbeit wieder los geht und der Winter in meiner Abwesenheit auf magische Weise verschwunden ist.
Leute, es war toll mit euch, und nächstes Jahr sehen wir uns auf der Hütte!
[Fotos kommen morgen noch dazu]
Same procedure as every year
Guten Tag, die Sonne scheint, der Frühling ist da – Zeit, mal wieder Zeit vorm PC zu verbringen und ein bisschen was zu erzählen also;)
Jetzt sitze ich und es ist März. Wie konnte das denn bitte passieren? Wo sind denn Januar und Februar hin? Als ich mich das fragte, ist mir aufgefallen, dass es so doch jedes Jahr ist. Januar und Februar sind immer so Nichts-Monate. 2011 zum Beispiel: Im März habe ich Abi gemacht, im April gearbeitet, im Mai war ich in Mazedonien und hatte Mündliches Abitur sowie Abiball, danach war ich drei Monate lang auf verschiedene Weisen im Urlaub, September war Abflugsmonat, im Oktober sind wir jedes Wochenende durch Georgien getingelt, im November hatten wir Zwischenseminar in Russland, im Dezember war Weihnachten. Und im Januar/Februar 2011? Keinerlei Erinnerung. In den Jahren davor ist es ähnlich. Letztendlich ist man im Januar/Februar einfach immer damit beschäftigt, das alte Jahr Revue passieren zu lassen, sich beim Datum immer zu verschreiben, den Winter zu verfluchen, den Frühling herbeizuwünschen und sich zu wundern, dass der Februar so kurz ist. Was kann ich also daraus schließen, dass mir die letzten beiden Monate so diffus vorkommen? Ganz einfach, dass es so ist wie jedes Jahr und dass ich somit endgültig im Alltag angekommen bin, dass ich hier nicht im Urlaub bin, sondern dass ich hier wohne und lebe. Ziemlich toll, finde ich.
Ein ganz kleines bisschen kann ich über den Februar aber doch schreiben:
In den letzten Wochen war es in Tbilisi eher ungemütlich: Kälte, Unmotivation, Bürokratiehindernisse beim Schüleraustauschprojekt und auch ein bisschen Grippe machen mürbe. Dazu kam, dass wir unfreiwillig alle ein bisschen die Tage zählten, die Lisa (Mitfreiwillige) noch in Georgien hatte. Anders gesagt, es war eben Winter, der kälteste in Georgien seit Jahrzehnten.
Wir haben unser bestes gegeben, um da ein bisschen rauszukommen aus dem Loch, lecker gekocht, viel in Cafés gewesen, andere Freiwillige in Temi/Ostgeorgien besucht und all sowas, aber wirklich gut hat es nicht geklappt. Letztendlich haben wir von all den Plänen, die wir vor Lisas Abreise noch hatten, nur ziemlich wenig gemacht, aber was soll’s, es kann ja nicht immer nur Action geben.
Dazu hatten Lara und ich die ganze Zeit im Hintergrund, dass wir irgendwie neue Mitbewohner brauchen (die Wohnung hat vier Schlafzimmer…), in der Schule hatte ich öfter das Gefühl, nichts zu tun zu haben.
Ach, alles in allem gabs einfach ne Menge Kleinigkeiten, die nicht so toll liefen.
Und dann ging alles ganz schnell: Lisas letztes Wochenende, dass erst mit einer recht chaotischen aber lustigen WG-Party und dann mit einem offizielleren Abschiedsessen gefeiert wurde, unser letzter Abend zu fünft, packen, lauter Kleinigkeiten erledigen, die Nacht durchmachen und dann ging auch schon mein Flug: Endlich mal wieder raus aus Georgien, nach OSLO!
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| Das machen eigentlich eher die Opas hier, sobald die Sonne rauskommt. Für Lisas Abschiedsgeschenk haben wir uns dazu gesetzt und damit uns und den Opas Lachkrämpfe beschert! |
Jetzt sieht das Ganze hier schon wieder ganz anders aus, aber ich dachte mir, dass ich das der Vollständigkeit halber doch auch mal kurz erwähnen sollte. Und jetzt gibt's - wie versprochen - echt mal wieder optimistische, gut gelaunte, fröhliche, Spaß machende Posts!
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