Sonntag, 14. Juni 2015

Von Hysterie und Würgereiz

Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!, brüllt ein hysterischer Schweizer auf der Pegida-Demo in Erfurt, einige brüllen mit, einige pfeifen dagegen, ich hätte vor Schreck und Ekel fast auf die Domstufen gekotzt.

Bin ein Wochenende in Deutschland, ein paar Tage nur, und laufe aus Versehen in eine Pegida-Demo rein. Nein, es sind nicht zehntausende, es sind nicht mal besonders viele, die im Chor mit dem hysterischen Schweizer über die notwendige Befestigung der Festung Europa lamentieren. Er macht das übrigens rhetorisch wirklich nicht besonders gut, drischt jedoch ein paar Phrasen, wo all die Café-Gäste und Dom-Besucher unwillkürlich mal nicken.

Gehe da mal lieber weg, keine Lust, mir von hysterischen Lamentierern den Würgereiz auslösen zu lassen und will auch nicht dafür verantwortlich sein, dass demnächst eine Straßenreinigungskraft mehr nötig ist, um die Erfurter Innenstadt einigermaßen geleckt und ansehnlich aussehen zu lassen.


Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen! Ich habe Deutschland verlassen, immer wieder mal, doch selten war meine Intention dahinter tatsächlich das Verlassen von Deutschland, oder überhaupt das Weggehen. Wenn ich einen Ort verlasse, liegt für mich der Schwerpunkt viel mehr im Hin- als im Weggehen, ich habe es seit Jahren nicht mehr erlebt, wirklich gerne einen Ort zu verlassen, hinter mir zu lassen. Liebe ich Deutschland nicht? Und was ist überhaupt Deutschland? Kann man einen Staat, eine Verwaltungseinheit, eine Nation gar lieben?

Es ist sicher nicht so, dass ich es nicht mag, in Deutschland zu leben: Das Leben dort ist vergleichsweise sicher, relativ gesehen durchaus günstig, die Möglichkeiten vielfältig, das Wetter könnte manchmal besser sein, ebenso wie die Laune und das Verhalten mancher Menschen. Nun ist es aber so, dass es schlechtes Wetter, schlechte Laune und schlechte Manieren überall mal gibt: wenn man deswegen sofort aufhören würde, einen Ort zu lieben und als Konsequenz aus fehlender Liebe direkt abreisen – ja dann bräuchte man seinen Koffer niemals auszupacken!


Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen! Sie brüllen, andere nicken, viele hören intensiv weg. Wenn ich Deutschland, oder doch zumindest mein Leben dort, aber liebe, warum habe ich es dann verlassen? Warum ließ ich ein gutes Leben hinter mir? Nun ja, weil das nicht so einfach ist mit der Liebe: weil man durchaus mehrere Orte, mehrere Lebensentwürfe, mehrere Wohnungen, mehrere Alltage, mehrere Freundeskreise und viele Menschen lieben kann. Ich verließ ein gutes Leben, ich kehrte in ein anderes gutes Leben zurück und ich begann ein weiteres gutes Leben an einem neuen Ort. Das Gute hierbei: wenn ich ein Leben verlasse, dann wird dieses Leben im besten Fall nicht eifersüchtig auf mein neues Leben, sondern freut sich für mich. Und ein Leben zu verlassen muss nicht endgültig sein, in diesem Fall klappt so etwas wie eine Beziehungspause nämlich tatsächlich.

In diesem Sinne: liebes Leben in Deutschland, die Beziehungspause ist bald vorbei und ich freu mich drauf!


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